Depressionen erkennen – Die verschiedenen Gesichter einer Erkrankung

25. Januar 2019 | von Chabi |

Anzeichen einer Depression

Lange ist es her, dass sie Freude empfunden hatte. Aus dem Bett kommt sie nur mit Mühe und auf Nachdruck. Der Alltag kleckert wie eine schlechte Suppe vor sich hin. Weil sie sich schämt, zog sie sich aus dem Freundeskreis zurück. Die Welt erscheint im tristen Grau. Ein Einzelfall? Wohl kaum!

In meiner Klinikzeit vergab ich die Diagnose Depression häufig; meist in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen. Wie kommt es, dass diese Diagnose so häufig ist? Ist es ein Zeitgeist oder „outen“ sich viel mehr Leute? Eine depressive Phase zu durchleben, wirkt fast schon normal. Jedoch ist eine Depression nicht gleich Depression! Sie gleicht einem vielgesichtigem Wesen, der das Leben bestimmt. Der Artikel behandelt diese vielen Gesichter.

Achtung! Der Artikel fußt auf meiner Erfahrung und Meinung! Bitte im Zweifelsfall einen Psychotherapeuten oder Arzt befragen!

Allgemeine Fakten der Depression

Volkskrankheit, Synonym für Schwäche und gute Einnahmequelle der Pharmaindustrie? Was verbindest du mit Depressionen? Ich sehe darin keine Schwäche, sondern wichtige Hinweise auf tieferliegende Probleme.

Allgemeine Fakten hängen meist von der jeweiligen Studie ab. In der Infografik findest du die Fakten, welche schon seit längerem bestehen. Wenn du dich für diesen Bereich interessierst, empfehle ich dir folgende Seiten:

Leitlinien

Deutsche Depressionshilfe

Faktencheck

Österreichische Studie über psychischen Leiden im Beruf

Fakten der Depression

Die Gesichter der Depression

Manchmal machen wir es uns einfach. Wir nehmen eine psychische Erkrankung und werfen diese in einen Topf. Eine voreilige Bewertung kommt als Sahnehäubchen noch oben drauf. Das spart Zeit und geht einfach. Plötzlich wissen alle ganz genau, was zum Beispiel Depressionen sind. Ein Einheitsbrei! Unsere Medien machen das besonders gerne!

Kliniker vergeben die Diagnose anhand von „typischen Symptomen“.  Genutzt wird dabei das ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen). Dabei ist die Anzahl sowie die Dauer depressiver Haupt- und Zusatzsymptome entscheidend. Ermittelt werden diese über den persönlichen Eindruck im Gespräch und durch Fragebögen.

  • Entdecke die verschiedenen Diagnosen und Symptome einer Depression

Hauptdiagnosen der Depression nach ICD-10

  • Dysthymia

    Keine Depression im eigentlichem Sinne, sondern vielmehr eine überdauernde depressive Verstimmung über mindestens zwei Jahre. Wann diese begann, ist meist nicht ermittelbar. Diejenigen schlafen oftmals schlecht, grübeln und beklagen sich. Jedoch gelingt es ihnen mit den täglichen Anforderungen fertig zu werden.

  • Depressive Episode

    Die Symptomatik kann leicht, mittel oder schwer ausgeprägt sein und besteht seit mindestens zwei Wochen. Leitsymptome sind Störungen der Stimmung, des Antriebes und des Selbstwertgefühls (nach Hoffmann & Hochapfel, 2009). Häufig besteht eine ausgeprägte Autoaggression. Weitere Symptome kannst du der Grafik entnehmen.

  • Rezidivierende depressive Störung

    Rezidivierend bedeutet, dass es wiederholte depressive Episoden gibt. Zwischen diesen Phasen kann es zu einer deutlichen Besserung kommen. Häufig sind belastende Ereignisse Auslöser für eine neue Episode. Diese Diagnose vergab ich besonders oft.

Daneben gibt es noch andere Gesichter/Erscheinungsbilder der Depression:

  1. Larvierte Depression: Körperliche Beschwerden stehen im Vordergrund und „maskieren“ die typischen depressiven Symptome. Es kommt zu Rücken-/Kopfschmerzen, Atemprobleme, Herzbeschwerden, etc. Heute gibt es dafür eher die Diagnose „Somatisierungsstörung“, „dissoziative Störung“ oder „Hypochondrie“. Manche Kliniker vermuten eine Überschneidung der larvierten Depression mit Fibromyalgie.

  2. Agitierte Depression: Der Antrieb ist nicht vermindert. Die Person ist eher rastlos und getrieben. Es kommt zur inneren Unruhe, oft mit Ängsten und Schlaflosigkeit. Es wirkt wie ein Aktionismus, welcher die anderen typischen Symptome (z.B. Interessenslosigkeit, Niedergeschlagenheit) überspielt. Durch eine klagend-ängstliche Symptomatik kann es zur Verwechslung mit Panikstörungen kommen.

  3. Gehemmte Depression: Der Antrieb und das Denken sind stark vermindert. Im Extremfall kommt es zum Stupor (Starrezustand des gesamten Körpers).

  4. Erschöpfungsdepression: Eine körperliche und seelische Belastung bestand lange Jahre. Vergleichbar mit dem gebräuchlichem „Burn-Out“. Meist gibt es bei der Person einen Hang zum Perfektionismus. [In diesem Artikel habe ich bereits über Perfektionismus geschrieben]

  5. Wochenbettdepression: Häufig nach den ersten Tagen oder Wochen der Geburt. Die emotionale Instabilität heißt auch „Baby Blues“ und tritt für einen kurzen Zeitraum auf. Sollte der Zeitraum mehrere Wochen betragen, spricht man von einer postnatalen Depression.  Als Ursache wird eine extreme Hormonumstellung vermutet.

  6. Psychotische Depression: Das Bewusstsein für die Realität ist gestört. Dies tritt zum Beispiel bei schweren Formen der Depression auf.

  7. Jahreszeitbedingte Depression: Wer kennt das nicht? Die Nächte werden im Herbst/Winter länger. Man geht im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln nach Hause. Betroffene schlafen mehr und fühlen sich dennoch müde. Es kommt zu häufigem Heißhunger. Eine Einnahme von Vitamin D3 oder der Einsatz von UV-Lampen, bringt oftmals Besserung.

Wie du siehst, kann eine Depression unterschiedliche Schwerpunkte haben. Nicht jeder leidet unter Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen oder einem Interessensverlust. Deshalb braucht es eine sorgfältige Diagnostik und eine individuelle Therapie!

Welche Probleme bei der Vergabe von Diagnosen gibt es?

  • Jeder Diagnostiker ist anders

    Was ein Diagnostiker wahrnimmt, kann verschieden sein. Ich nehme den Patienten als ängstlich wahr, ein anderer als gereizt und psychotisch. Wer hat recht?

  • Das Problem der Fragen

    Wenn ich eine bestimmte Frage nicht stelle, kann ich wichtige Details übersehen. In der Folge kann es zu ungenauen Diagnosen kommen. Ein Beispiel: „Kennen Sie auch Phasen, wo Sie ein intensives Hochgefühl erleben? Vielleicht sogar euphorisch sind und ein geringes Schlafbedürfnis haben?“ Diese Fragen sind wichtig, um manische Phasen nicht zu übersehen. Der Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen deutet auf eine Bipolare Störung hin.

  • Schwammige Diagnosen sind Alltag

    Ein riesiges Problem! Viele Symptome (z.B. Schlafstörungen, Reizbarkeit, selbstverletzendes Verhalten) können verschiedenen psychischen Erkrankungen zugeordnet werden. Zwar gibt es „Schlüsselsymptome“, jedoch könnten diese unklar sein oder werden verschwiegen.

  • Eine Depression kommt selten allein

    Oftmals entstehen Depressionen aufgrund von anderen (psychischen) Erkrankungen. Das ist meine Beobachtung! Häufige Kombinationen nach den S3-Leitlinien: Süchte, Angst- und Panikstörung, Zwänge, Persönlichkeitsstörung, Somatisierungen, Essstörung.

Depressionen und Suizidalität

Jeder Kliniker stellt diese eine Frage: „Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“

Selbstverletztung oder lebensmüde Gedanken können zur Depression gehören, müssen es aber nicht! Wenn sich jemand das Leben nimmt, hat derjenige nicht automatisch Depressionen gehabt.

Das Unglück mit Robert Enke löste bei einigen depressiven Patienten Sorge aus. Sie glaubten, Depressionen und Suizidalität gehören zwingend zusammen. Ein junger Patient berichtete mir, dass er genau zu diesem Zeitpunkt eine depressive Phase hatte. Jahre später stellte er sich noch immer die Frage, ob eine Depression unmittelbar mit Suizidalität verbunden ist. Es war für ihn erleichternd, dass es nicht zwingend sein muss.

Verdacht auf Suizidalität sollte immer ernst genommen werden. Deshalb scheut euch nicht, rechtzeitig Hilfe einzuholen!

Woher kommen Depressionen?

Du fragst dich vielleicht, warum jemand an Depressionen erkrankt? Erkundigst du dich bei fünf Psychotherapeuten/Ärzten, könntest du mit fünf verschiedenen Ansichten rechnen. Eine Neurotransmitterstörung, erlernte Hilflosigkeit, Probleme in der Kindheit, belastende oder überfordernde Ereignisse? Die oben dargestellten Gesichter der Depression zeigen, dass es verschiedene Ursachen und Auslöser geben kann.

Die verschiedenen Ideen zur Entstehung von Depressionen behandle ich im nächsten Artikel.

Was sind deine Vermutungen, warum eine Depression entsteht?

2 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.