Mach bloß keinen Fehler! – Oder was hat dir dein Perfektionismus zu sagen?

15. September 2018 | von Chabi |

Wie perfekt musst du sein?

Entsprichst du dem perfekten Bild eines Menschen oder kennst du so jemanden? Wie sieht der perfekte Mensch überhaupt aus? Ist er schlank, schreibt er tolle Texte und verzaubert jeden mit seinen strahlend weißen Zähnen?

Bloß nicht unangenehm auffallen! Die Furcht schlecht bewertet zu werden, Scham zu erleben und im schlimmsten Fall sich ausgegrenzt zu fühlen, ist für viele Menschen Realität.

Ein Supervisor meinte einmal, dass unsere Gesellschaft funktionierende und leistungsstarke Menschen heranzieht, welche nach Idealen streben, die nicht immer ihre eigenen sind. Ein Ideal ist in der Regel unerreichbar. Das frustriert! Die Folge sind oft Persönlichkeiten, mit einem niedrigen Selbstwert bei hohen narzisstischen Grundzügen*. Es ist gewollt und teilweise selbstverständlich Erfolg und Leistung hoch zu bewerten. Dies ist eine „erwünschte menschliche Normalität“ geworden (Shafran et al., 2010 in Spitzer, Nils Facettenreicher Perfektionismus, 2016). Die selbstverständlichen Leistungen verlangen ein hohes Maß an Disziplin und Perfektion, oft über die eigenen Grenzen hinaus. Wer sich in seinem Streben nach Anerkennung und dem Ideal verausgabt und ausbrennt (Burn-out), fühlt sich schnell von der Gesellschaft ausgestoßen und allein gelassen. Er oder sie wird nicht mehr gebraucht. Das mag überspitzt klingen und doch habe ich es zu oft im klinischen sowie privaten Bereich erlebt. Die innere Überzeugung ist: „Mach bloß keinen Fehler und zeige keine Schwäche, sonst wirst du gefressen!“

* Narzissmus und ein niedriger Selbstwert hängen zusammen.

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung:

Es war einmal vor langer Zeit….Ich fuhr in einem Bus zur Arbeit. In Blickreichweite saß eine junge Frau, kreidebleich. Sie sank immer weiter in ihren Sitz hinein. Und dann….ein Würgen. Schnell reichte ihr ein anderer Fahrgast seine Frühstückstüte entgegen. Ein anderer Fahrgast fragte sie, ob er einen Krankenwagen rufen oder ob sie nicht besser nach Hause gehen solle. Die Frau lehnte ab mit den Worten: „Ich muss zur Arbeit!“ Und sie fuhr weiter ihrer Arbeit entgegen, weiterhin kreidebleich und mit einer gefüllten Frühstückstüte in der Hand.

Kann ich meinen Körper perfekt unter Kontrolle halten, so dass er meinen und den Ansprüchen anderer gerecht wird? Bei der oben genannten Frau hat dies nicht funktioniert. Vielleicht sagte sie sich: „Reiß dich zusammen!“ Ein bekannter Spruch. Das Problem ist (wenn ich es als Problem überhaupt sehen will), der Körper hat seine Grenzen und zeigt dies früher oder später. Perfektionistische Ansprüche führen zur Erschöpfung.

Was bedeutet Perfektion?

Klinisch gesehen gibt es für den Perfektionismus derzeit keine einheitliche Definition. Um das Ausmaß von Perfektion in etwa zu bestimmen, können diverse Fragebögen genutzt werden (z.B. die Frost Multidimensional Perfectionism Scale (FMPS) oder das Mehrdimensionale Inventar zu Perfektionismus im Sport). Der FMPS geht von folgenden beeinflussenden Faktoren und Begleiterscheinungen aus:

Je nachdem in welcher Ausprägung diese vier Bereiche aufeinanderprallen, entstehen verschiedene Perfektionismusformen. Das macht die einheitliche Defintion so schwierig. Hier findest du meinen Versuch einer Unterteilung:

In welchem Bereich tritt der Perfektionismus auf

  1. Leistung: Vor allem auf der Arbeit sind optimale Abläufe und Prozesse entscheidend. Fehler werden oft nicht konstruktiv gesehen, sondern als schamhaft erlebt (und in der Folge tot geschwiegen).
  2. Beziehung: Der Wunsch nach Anerkennung, Liebe und Wertschätzung im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn die Ansprüche an mich und/oder dem Partner zu hoch sind, belastet dies die Beziehungen.
  3. Lebensart: Hierzu gehört die Suche nach immer stärkeren Reizen (z.B. Adrenalinkick in Extremsportarten) und die Selbstdarstellung im Leben (z.B.  Glamour Lifestyle).

Auf wen richtet sich der Perfektionismus (nach Flett und Hewitt; 2002)

  1. Auf sich selbst gerichtet: Ich setze mir selbst hohe Ansprüche. Dies kann durchaus positiv sein und qualitativ gute Arbeiten hervorbringen. Schädlich wird es, wenn mein Streben eine starre Laufbahn einnimmt und mein Selbstwert davon abhängt. Versagensängste können sich schnell einstellen.
  2. Sozial: Haben andere Ansprüche an mich und muss ich diese erfüllen?  Jeder gefühlte Anspruch wird als eine Bedrohung erlebt.
  3. Nach außen gerichtet: Meine hohen Ansprüche richte ich auf meine Umgebung. Dies kann sich schnell in Vorwürfen zeigen: „Der Depp ist unfähig; Immer muss ich seine Aufgaben erledigen!“

Ausprägung als Persönlichkeit (nach Prof. Rainer Sachse)

  1. Narzisstische Spur: Hier ist besonders die Anerkennung von anderen wichtig und gleichzeitig besteht die Angst vor der persönlichen Kritik/Abwertung. Unter Umständen wurde in der Vergangenheit wenig oder übertriebenes Lob erfahren. Oftmals besteht der Eindruck: „Ich kann nichts.“ Der Selbstwert ist gering. Um dies auszugleichen können Menschen zu Workaholics werden. Sie wollen etwas „Großes“ vollbringen. Der eigene Wert hängt davon ab.
  2. Zwanghafte Spur: In dieser Ausprägung ist eine besondere Ordentlichkeit vorhanden. Regeln und Normen werden eisern befolgt. Die Welt läuft in Routinen. Der Eindruck entsteht, dass diese Menschen pedantisch sind. Ein Fehler kann schnell eine sogenannte Schamangst auslösen. Vielleicht kennst du die Serie „The Big Bang Theory“? Der Darsteller Sheldon Cooper repräsentiert eine ausgeprägte zwanghafte Persönlichkeit auf humorvolle Weise.

Wie bei so vielen Dingen in der Psychologie und Diagnostik sind die Grenzen schwammig. Mischformen der oben genannten Bereiche sind oft anzutreffen.

Wichtig zu wissen: Perfektionismus in einer starken Ausprägung ist kein eigenständiges Erkrankungsbild, sondern eine Begleiterscheinung. Es können andere klinisch relevante Störungen vorkommen (vor allem Ängste, Zwänge, Essstörungen, Depressionen, Süchte, psychosomatische Beschwerden sowie diverse Persönlichkeitsstörungen). Wie du siehst, eine ganze Menge!

Um zu prüfen, ob du zu perfektionistisch an eine Sache heran gehst, kannst du dich zum Beispiel fragen:

  1. Tue ich die Dinge aus einer Freude heraus?
  2. Tue ich die Dinge aus Angst vor Versagen oder Abwertungen?
  3. Möchte ich jemanden unbedingt beeindrucken? Für wen oder was tue ich überhaupt die Sachen, die ich tue?
  4. Strebe ich nach einer Fehlerlosigkeit?
  5. Bin ich anfällig für Kritik?

Wenn du unter deinem Perfektionismus leidest, dann zögere nicht einen Fachmann vor Ort aufzusuchen!

Gibt es nicht auch einen gesunden Perfektionismus?

Anfangs nahm ich an, dass es einen gesunden Perfektionismus geben müsste. Ist dies nicht der Grund für überragende Leistungen und Qualität? Dem ist nicht so. Das, was ich als gesunden Perfektionismus bezeichnet hatte, ist eher die Liebe zum Detail oder ein Streben nach einer guten Lösung, ohne krankhaft zu erschöpfen. Beim Perfektionismus strebe ich stets einem makellosen Ideal entgegen, das es nicht gibt. Während ich dieses Ideal anstrebe, empfinde ich keine wirkliche Freude oder Erfüllung. Der Weg zum Ideal ist eher erfüllt mit Angst und Scham. Wichtig ist, was andere Leute über mich denken und wie sie mich bewerten. Kritik wird primär negativ verstanden. Unser niedriges Selbstwertgefühl ist noch mehr bedroht. Körperlich zeigt sich dieses z.B. in Unruhe, Zittern, Kopfschmerzen, Durchfall, usw. Unserer Körper ist im Stress. Bei einem gesunden Streben und Bemühen erleben wir eher Glücksgefühle oder wir fühlen uns ausgeglichen. Wir sind stolz auf uns und wir wissen, dass wir etwas gut können. Und selbst wenn wir etwas vermasseln, können wir nett zu uns sprechen. Ich kann und darf Mitgefühl mit mir selbst haben.

„Wenn Perfektionismus der Fahrer ist, ist Scham der Beifahrer und Angst der nervige Mitfahrer auf dem Rücksitz“ (THE DARING WAY – Brené Brown; 2015)

Umgang mit hohen Ansprüchen

Wenn du hohe Ansprüche bei dir feststellst und etwas ändern möchtest, kann ich dir folgendes empfehlen:

  • Unternimm Dinge, die einfach nur Spaß machen. Wo geht es für dich nicht um Leistung, sondern um Vergnügen?
  • Für einen Moment alle Pflichten liegen lassen. Seien wir ehrlich. Es gibt immer etwas zu tun. Nicht jede unserer alltäglichen Pflichten muss sofort erledigt werden. Hast du die Möglichkeit, dir einen Freiraum zu verschaffen?
  • Bewusst die eigenen Grenzen wahrnehmen. Wie oben bereits beschrieben: Wir können nicht dauerhaft unsere körperlichen und seelischen Grenzen überschreiten. Lerne wahrzunehmen, wann es genug ist.
  • Achtsamkeit für das, was gerade ist. Versuche Pausen einzulegen, halte inne und schau, was in dir los ist. Kannst du beschreiben, was du fühlst und welche Gedanken du hast?
  • Zufrieden sein mit dem, was erreicht wurde. Auch im Nicht-Perfekten liegt Schönheit.

Ein persönliches Anliegen

Ich selbst habe unter meinen perfektionistischen Ansprüchen zu knabbern, teilweise auch zu leiden. Ja, ich habe Angst mich zu zeigen; Ich habe Angst vor allen möglichen Bewertungen und ich habe auch Angst am Ende wie ein Depp dazustehen. Dieser Text ist nicht perfekt und makellos. Meine Texte und Bilder spiegeln mich wieder und was soll ich sagen: Ich will mich nicht mehr hinter der Angst und Scham verstecken. Gerade aus Fehlern kann ich mehr lernen, als aus Erfolgen. Das Wichtigste und Schwierigste ist, den Umgang mit Fehlern und Kritik zu finden. Es muss keine Niederlage oder Versagen sein, ich darf es auch als Chance sehen. Sich zu zeigen, ist der erste Weg.

Quellen:

Emotion.de; Warum Perfektionisten es oft schwer haben; [Zugriff: 15.09.2018]

Spitzer, Nils; Facettenreicher Perfektionismus; [Zugriff: 15.09.2018]

Stöber, Joachim; Otto, Kathleen; Pescheck, Eva; Stoll, Oliver; Skalendokumentation „Perfektionismus im Sport“; [Zugriff: 15.09.2018]

Strehlau, Dagmar; Wie viel Perfektionismus ist noch erlaubt?; [Zugriff: 15.09.2018]

Technische Universtität Chemnitz; Perfektionismus; [Zugriff: 15.09.20148]

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